Leseprobe Harte Jungs

Ausschnitt
4. Kapitel

… Und dann? DANN dauert es schon zwei Tage, und er hat nicht angerufen, die Sau. Das fühlt sich so beschissen an, und ich könnte mich echt selbst verhauen, dass ich den Mund so voll genommen habe und dringend an meiner Beziehungsfähigkeit arbeiten wollte! Wieso denn eigentlich? War doch alles in Ordnung so, manchmal eben mit jemandem irgendwas starten und, wenn’s ernst wird, abhauen. Klingt doch vortrefflich. Nachhaltig!
Während ich mich ernsthaft bemüht zeige, nicht die ganze Zeit, rauchend und Nägel kauend zu Hause vor dem Apparat zu hocken und den Anruf abzuwarten, versuche ich weiter, an den magischen Moment zu glauben und an meine Liebe und, dass auch für mich Glück vorgesehen ist in dieser Welt. Und ich versuche die Leitung frei zu halten und würge meine Mutter ab und Verena, die versucht mich nach draußen zu entführen. Aber Verena hat verhindert, dass ich mich vollkommen blamiere, als ich ernsthaft behauptete, mal so richtig Ordnung machen zu müssen.
„ALIBI! Raus hier, du Kreuzlose!“ Wenigstens kümmert sie sich um meine Würde, wenn ich es schon nicht tue. Hat mich gegen meinen eindeutigen Willen rausgeschleppt, ein Bier trinken und Freunde treffen. Ich lausche den in meinen Ohren total sinnlosen Gesprächen über Politik und Religion und Frauenpolitik im Besonderen und die nächsten Konzerte im Speziellen. In meinem Kopf klingelt dauernd das Telefon, und ER versucht mich anzurufen und wird es nie wieder tun, weil ich nicht da bin.
Dritter Tag, fast schon Nachmittag, Nägel bis aufs Blut runtergebissen, bin versucht, mit den Fußnägeln weiterzumachen, kann mich aber noch zurückhalten. Weigere mich, trotz mehrfacher Aufforderung von Verena und Ted, die Wohnung zu verlassen. Habe Wäsche gewaschen, die trocknet grade auf den verschiedenen Heizkörpern vor sich hin, und ich sitze und rauche und raufe meine Haare bei dem Versuch, irgendwas Gescheites fürs Studium zustande zu bringen. Wir sollen einen historischen Comic zeichnen. Meiner wird eher hysterisch. Wer hat eigentlich behauptet, dass ich zeichnen kann?
Beschließe rigoros, dass Habenwollen, a.k.a. Jan, ein Supersausack ist mit Sausackallüren. War ja klar, bei so einem, an jeder Hand zehn Weiber. Der kann sich verfatzen! Und mit ihm seine ganze Sausackbande und sowieso jeder verdammte Sausackkerl diesseits der Elbe und jenseits und überhaupt. Ich heirate Ted!
Atmen nicht vergessen. Mein Herz, das verdammte, gefährlich halb angetaute, packe ich wieder zurück ins Eisfach gleich neben die Flasche Wodka, die ich aus reiner Gastfreundschaft dort liegen habe, aber selber niemals anrühren werde. Jetzt droht Gefrierbrand.
So, wie ich hier zeichne, mit dicken schwarzen Strichen, das wird der Dozentin sicher gefallen …Grrrr … mir gefällt die Dozentin nicht … Grrrr … da klingelt das Telefon. Glaube ich.
Ich lasse mich nicht noch mal ins Bockshorn jagen! Das letzte Mal war´s meine Mutter, die mich gefragt hat, ob ich die Wäsche abholen komme. Ich geh trotzdem ran. Höre ungläubig, dass es JAN ist.
„Oh, ach, du, echt!“, das „ wie geil!“ schlucke ich schnell runter. „Warte mal“, sag ich stattdessen und drehe die Musik leiser, weil bei aller Coolness, heute würd ich ihn gerne verstehen, wenn er sich entschuldigt und mir sagt, dass er irgendwie ein ARSCHLOCH ist.
Aber Jan ist entzückend und lustig und sagt: „Hey, ich wollte doch ein bisschen cool sein …“, und ist es nun umso mehr!
„Wir sollten uns dringend treffen“, lacht Jan.
„Das sollten wir DRINGEND!“, lache ich zurück.

Ausschnitt 5. Kapitel
„Kotzen hilft gegen Urinstein“, ist das Motto des Abends. Jan und ich werden mit dieser bahnbrechenden Erkenntnis quasi wachgerüttelt und fallen aus unseren rosa Wölkchen mitten rein in die finstere Realität einer stinkenden, kleinen, versifften Junggesellenbude im 5. Stock eines furchtbaren Mietshauses. Egal wie es sich für mich darstellen mag, für die Jungs ist es das Paradies. In der Regel treffen sie sich zum „Vorglühen“ dort und um zusammen Saturday Night Live oder RTL Samstag Nacht, wie der deutsche Versuch dazu heißt, zu schauen.
Andre, einer der zwei Bewohner dieser Enklave, ist bei unserer Ankunft gerade vom Klo wiedergekommen und hat uns mit diesem Spruch empfangen. Nur dass er nicht uns gemeint hat, sondern die ganze Runde. Inzwischen weiß ich: Es ging um die Nacht zuvor, in der er und sein Mitbewohner Ryan sich „einen auf die Lampe gegossen“ hatten und dies ganz allein und ohne Anlass, „Einfach“, wie sie sagten, „weil wir es können!“. Beide hatten frei, weder Zivildienst (Andre), noch abends Arbeiten im Sergeant Pepper (Ryan), keine Bandprobe oder Besuch von oder bei Familie, die Freundin von Ryan war weit weg in Dublin, bedauerlich, wie Ryan immer wieder betonte, aber auch kein „Ersatz“ war an diesem Abend irgendwie in Sicht und Andre hatte sowieso nie eine Freundin.
Ryan und Andre wohnen in dieser absolut fantastischen Kiez-Nähe. Ryan ist halber (oder Viertel- oder Dreiviertel-) Ire und hat den Sexappeal der grünen Insel, behauptete ich mal. Laut Erzählungen von Jan braucht er in der Regel ein Mädel nur anzusehen, „wirklich, nur ein Mal anschauen“, und dann läuft´s quasi von allein. Und in der Regel ist er „dabei“ auch sturzbetrunken, wie es sich für einen Iren gehört und nuschelt der Dame seines Moments irgendwas ins Ohr mit seiner etwas heiseren Stimme. Mit seinen langen kupferfarbenen Locken und den frechen braunen Augen sieht er aus, wie eine Mischung aus Eddi Vedder und irgendwas ganz Gefährlichem. Mir viel zu gefährlich. Dabei immer diesen traurigen Zug um die Augen, diese unerklärliche Sehnsucht, die man in den irischen Volksliedern ja so wunderbar irisch findet. Kurz: Er nietet alles um, was sich ihm in den Weg stellt. Auch die, die sich ihm nicht in den Weg stellen, werden genietet. Und die, die wegrennen, und sogar die, die bei drei auf den Bäumen sind, die auch. Nur ich nicht, ich bin ja mit Jan zusammen. Ja, genau, viiiel zu gefährlich! Attention, please!
Schon am ersten Abend, an dem ich die Jungs erspäht hatte, waren da ja zwei gewesen, die ich sofort „haben wollte“. Jan, klar, und klar, Ryan. Und mein gelegentlich treffsicherer Instinkt hatte mir von dem einen dringend abgeraten. Mir und meinem Instinkt verdanke ich es, dass ich jetzt mit Jan hier bin.
Andre ist das genaue Gegenteil, nein, nicht das Gegenteil, aber trotzdem komplett anders, so ein langhaariger Bombenleger und Zivi, der quatscht und quatscht und quatscht, in der irrigen Annahme, dass man Frauen doch irgendwie ins Bett quatschen könne. Klappt wohl nicht so oft, laut Jan. Und laut Jan sind Andre und Ryan ein Duo Infernale, wenn es darum geht, wer als Letzter die Party in welchem Zustand verlässt. Während Ryan irgendwann vom Stuhl kippt und es trotzdem noch schafft, Frauen klarzumachen, quatscht Andre bis in die frühen Morgenstunden mit immer einer Dose Pils in der Hand und geht dann allein ins Bett. Sagt Jan. Ich kann mir das allerdings bildhaft vorstellen. Das ist von jetzt ab also meine gemütliche Kiez-Connection.
Außerdem sind beide Musiker, also noch Fragen? Wenn man irgendwelche Fragen hat, was Benehmen, Anstand, Trinkfestigkeit etc. angeht, dann reicht es in den meisten Fällen zu sagen: „Musiker halt!“
Der Abend begann also diesmal mit: „Übrigens: Kotzen hilft gegen Urinstein!“ Allgemeines Gelächter, aber Andre bleibt ernst.
„Ehrlich, das lasse ich mir patentieren!“
„Igitt, ANDRE!“ Das bin ich. Andre fährt unbeirrbar fort mit Detail- Schilderungen.
„Ich so: Wach auf und hä? … lieg neben dem Klo. Alter, bin ich wohl eingeschlafen gestern beim Kotzen, aber da sehe ich, dass das Klo zum ersten Mal sauber ist!“ Andre freut sich wie ein Schneekönig.
„Alter, Andre, DU BIST SO EIN ASI!“ Ryan ekelt sich wie alle anderen lautstark und windet sich dabei auf seinem Bierkasten, kippt dabei fast um und lacht laut und hat sich mit Bier vollgeschüttet, und wo er grade da so günstig hängt, nimmt er sich wie nebenbei ein neues Pils raus und steckt das nun leere wieder rein in die Kiste.
„Und? Hast du sonst noch etwas sauber bekommen?“ Torben, der dritte im Bunde, lang, kräftig und (na klar) lange Haare, freut sich einen Ast ab, weil er, wie alle anderen auch, darauf lauert, dass Andre sich in die Scheiße reitet, mal wieder Blödsinn erzählt oder einfach nur mal wieder saudoof ist. Das könnte ein vielversprechender Abend werden.
„Weißt du, Ryan knallt grade die Alte, sie so: Oh JA, Ryan, Oh RYAN, Oh mein Gott JAAA, ich so: kotz, kotz, kotz!“ Andre trinkt sein Dosenbier aus und nimmt sich ein neues. „Dann ist Ryan fertig mit der Alten und kommt rein und pisst mir fast auf den Kopf!“ Andre gluckst vor sich hin.
„Was soll ich denn machen, du hattest deinen Kopf fast in der Schüssel und hast nur gejammert“, nuschelt Ryan vor sich hin und lacht heiser und wirft seine rotblonden Locken in den Nacken. Wieso, frage ich mich, wieso findet man den einen unfassbar eklig, und der andere wirkt einfach nur verrucht und irgendwie schmutzig, aber geil? Allein sich Ryan beim One-Night-Stand vorzustellen … HÖRST DU AUF!!! (Darf ich vorstellen: mein inneres Anstandswauwauchen – immer dabei, aber nie mittendrin. Oder so.)
„Du hättest doch in die Dusche pissen können!“, schlägt Andre ernsthaft vor – wie eklig Männer leben können! – und regt sich jetzt tatsächlich ein bisschen auf. Er ist eben auch ein bisschen schlicht.
„In der Dusche hat Nils geschlafen!“, Ryan lacht und kifft beherzt in sich hinein.
„Wieso hat Nils in der Dusche geschlafen?“ Ab jetzt versteh ich nix mehr.
„Na, weil Ryan mit der Alten im Wohnzimmer … ihr wisst schon!“, ruft Nils dazwischen während, er das Paper anleckt und fachmännisch den Joint zu Ende rollt. Ich hab das nie gekonnt, weder Zigaretten noch Joints noch sonst irgendwas habe ich je rollen können. Meine Augen im Moment vielleicht.
„Du hättest doch in Andres Zimmer gehen können?“ Ich checke nix.
„Nee, da hatte sich doch die Alte eingeschlossen, die er versucht hat abzuschleppen, aber als die gecheckt hat, dass Ryan es auf ihre Freundin abgesehen hatte, aber der letzte Bus war ja schon weg, da hat sie sich einfach eingeschlossen, damit Andre oder ich ihr nicht auf den Leib rücken können.“ Nils erzählt das so, dass auch ja jeder kapiert, dass ER überhaupt gar nicht vorhatte, irgendwas mit irgendwem. Er ist einer von den Typen, die irgendwie immer dabei sind, immer gut gelaunt, immer witzig und irgendwann am Abend dann so betrunken, dass er sich hinlegt und schläft. Also alles in allem ein netter Gast. Wie die meisten trägt er Jeans und Flanellhemd, er hat einen Pferdeschwanz und dazu Doc-Martens-Stiefel und ein furchtbar gewinnendes Lachen. Ich frage mich, warum ein so intelligenter Mensch nichts Besseres zu tun hat als in einer Dusche zu übernachten.
„Nils gibt es eigentlich nicht ohne Torben“, erklärt Jan.