Frühlingserlachen

In meinen Träumen liege ich auf einer Wiese und höre mit geschlossenen Augen dem Wind in den Bäumen zu, leise rauscht es in den Kronen der Bäume und sanft wiegen sich die Wiesen in warmen Sommerlicht. Der Duft der Hyazinthen summt in meiner Nase und hektisches Brummen füllt so manchen Frühblüherblütenkelch. Wärme tanzt auf meinen Augenlidern und es zwitschert mich morgens ein aufgeregtes Vogelpärchen aus meinem Bett, das sich ein Nest in der Lärche neben meinem Fenster baut.

Ich träume vom Frühling, während der letzte Karnevalskrapfen noch schwer im Verdauungstrakt nachwirkt. Ähnlich schwer, wir die Erkenntnis, dass FAKTISCH noch Winter ist. Erst in den letzten Zügen des März´ erinnert der Monat an seinen Namensgeber, den Gott Mars und tritt kraftvoll an gegen die Wintertitanen. Der März ist da und wenn der April die Häschen intus hat, hat der Gott und der Monat den Aufbruch im Gepäck. Er beendet die Winterzeit, bringt Sonnenlicht und Frühlingsluft und macht Lust auf mehr. Mars, der dem Monat seinen Namen gab, gilt als Gott des Krieges. Neuere, aber nicht weniger relevante Quellen, sprechen ihm zudem noch eine ganz andere Bedeutung zu. Nämlich als den Gott des Ackers und der Saat, als Spender von Fruchtbarkeit, schuf er Leben und schützte die Gesundheit von Menschen und Tieren, bis die Römer ihn endgültig für den Kriegseinsatz brauchten.  Seine schöpferischen Attribute verloren sich in der Zeit und es blieben allein seine zerstörerischen Eigenschaften. Wenn wir hier mal den Mann vom Feminismus profitieren lassen, dann würde ich behaupten, lieber März, du bist so gegensätzlich, wie dein Wetter und es braucht zur Schöpfung immer ein bissl von Beidem. Allein als weibliches Wesen schöpft es sich so schwer. Natürlich braucht die Göttin der Fruchtbarkeit einen Gott an ihrer Seite, um die Eier zu bemalen. Schöpfen ist anstrengend und die Fruchtbarkeit erfordert Kraft und Ausdauer. So wie neuere Geschichtsforschung vielerorts herausfindet, dass bedeutende Damen, die „zusammenlebten“ bis ins hohe Alter, vielleicht mehr waren als gute Freundinnen, der erste entdeckte „Kalender“, nach vielem Hinundhergeforsche von einer AnthropologIn -siehe da- als eine, in einen steinzeitlichen Knochen geritzte Zyklus-Tracking-App identifiziert wurde, so verblüffend sind die Erkenntnisse, dass die Wikinger eigentlich nette, sesshafte Zeitgenossen waren, die vornehmlich Ackerbau betrieben und gar keine Hörner an ihren Helmen trugen. Und dass vielleicht die sogenannten „männlichen Attribute“ sehr viel vielschichtiger sind und diese, so man sie ausblendet und immer wieder, immer falsch überliefert und somit auch falsch versteht, aus Menschenmännern seltsam eindimensionale Wichte werden, die Zeit ihres Lebens den Sinn hinter allem suchen. Sogar einem Gott wie Mars ist es passiert, dass er, um seiner bewahrenden, versorgenden und fruchtbaren Bestimmung beraubt, zu einem aggressiven Honk mit extrem steinzeitlichem Gesichtsausdruck beschnitten wurde, der immer ein bisschen banal daherkommt und eher nicht so gern zum Familientreffen eingeladen wird.  Der März kann viel mehr, als Mann ihm zutraut. Die Übergangsjacke zum Beispiel, wurde für ihn erfunden. Denn eigentlich wollen wir gar keine Klamotten mehr übereinanderschichten, aber es ist einfach im Schatten noch viel zu kalt.

In Vorbereitung ist er schon, das Mis- en- Place ist fertig, er sitzt in den Startlöchern, wühlt sich empor durchs feuchte, fette Erdreich, der schöpfende, aufbrechende Frühling. Es sprießt all überall. Aber dann wird man wieder enttäuscht, denn ein Regenschauer macht den geplanten Frühlingsausflug zu einem Kinonachmittag mit Eis und Popcorn.

Wir müssen uns anpassen immer wieder, weil der Übergang immer etwas holprig ist. Start und Landung sind auch beim Fliegen die riskanten Momente, wenn von einem Daseins-Zustand in den nächsten Zustand, alle Kräfte mobilisiert werden müssen. Und ein Polstersessel kann gar nicht fliegen, wussten sie das nicht? Mars macht mobil und der März macht den Frühling munter. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir uns in einer Übergangsphase befinden, die irgendwann begann, als eine kluge Frau in einen Mammutknochen die Tage bis zu den Tagen einritzte und wird enden, wenn die Sonne fertig ist mit Scheinen. Bis wir den Gott März wieder in all seinen Facetten sein lassen, wird uns die Übergangsjacke von Armani sicher helfen mit den Turbulenzen.

Ich such mir schon mal meinen Platz in der Wiese und warte auf meinen März-Moment.

Erschienen in:
ICON 3/2023